Stenzelfilm’s Weblog

Auto ohne Nimbus

22 September, 2008 · Kommentar schreiben

Als neulich das Herz unseres neuen Kühlschranks versagte, hat der Kundendienst gleich das komplette Gerät ausgetauscht. Bei einem Auto ist das anders. Wohl wird der gesamte Außenspiegel samt Heizung und Stellmotoren ersetzt und neu lackiert, nur weil das Glas zerbrochen ist. Die Rechnung bewegt sich dann im mittleren dreistelligen Bereich. Bis zum 21. September 2008 konnte man in Frankfurt solche und andere Aggregate in Augenschein nehmen, und zwar vollständig zerlegt. Am Main fand nämlich zum 20. Mal die Automechanika statt. 160.000 Besucher strömten durch die Messehallen. Schon der Dresscode verriet, dass hier keineswegs nur Einkäufer auf der Suche nach noch billigeren Lieferanten aus China, Indien oder Brasilien unterwegs waren. Nein, da kamen viele Fans, und die Anstecknadel-Verkäufer in den Treppenhäusern freuten sich über gute Umsätze.

Betont unauffällig mischten sich auch Zollbeamte unter das Publikum, versehen mit guten „Tipps“ der Konkurrenz. Die Zöllner stellten schließlich auf der Automechanika zahlreiche gefälschte Waren sicher, unter anderem Lenkungsgetriebe, Bremsbeläge, Sitze, Alufelgen, Kühlergrills und Scheinwerfer. Verhaftungen wegen solcher Produktfälschungen gab es wohl keine.

Vor einigen Jahren haben wir einen Iveco-Lastwagen gefilmt, der wie ein Puzzle Stück für Stück zusammengesetzt wurde. Das Effekt war der gleiche: Die ganze Kraft eines Nutzfahrzeugs ist wie weggepustet, wenn man ihn so in seine Einzelteile zerbröselt vor sich sieht. Das Ganze ist eben doch mehr als seine Teile. In Frankfurt haben wir Standbetreuer gefragt, aus wie vielen Teilen denn ein Pkw besteht. Geschätzt wurden einige tausend. VW konnte genauere Auskunft geben: Für einen Passat (Bild) müssen etwa 8.000 Stücke aus Plastik und Gummi, Alu und Eisen, Glas und Kupfer entworfen, produziert, getestet und in größere Aggregate eingefügt werden. Auf der Teile-Liste eines Golf stehen immer noch 6.500 Positionen. Niemand hat das genau gezählt, es sind einfach zu viele. Der Nimbus, den ein Auto austrahlt, steht freilich nicht in solchen Datenbanken. Und darin zeigt sich höchste Ingenieurkunst: Eine Vision umsetzen in Zeichnungen, Stücklisten, in banale Blechteile, Schrauben, Dichtungen. So richtig ins Schwärmen geraten kann der Autofreak wieder Ende September 2009. Dann öffnet die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt, die sich jährlich mit der Automechanika abwechselt.

Kategorien: Auto
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