Als neulich das Herz unseres neuen Kühlschranks versagte, hat der Kundendienst gleich das komplette Gerät ausgetauscht. Bei einem Auto ist das anders. Wohl wird der gesamte Außenspiegel samt Heizung und Stellmotoren ersetzt und neu lackiert, nur weil das Glas zerbrochen ist. Die Rechnung bewegt sich dann im mittleren dreistelligen Bereich. Bis zum 21. September 2008 konnte man in Frankfurt solche und andere Aggregate in Augenschein nehmen, und zwar vollständig zerlegt. Am Main fand nämlich zum 20. Mal die Automechanika statt. 160.000 Besucher strömten durch die Messehallen. Schon der Dresscode verriet, dass hier keineswegs nur Einkäufer auf der Suche nach noch billigeren Lieferanten aus China, Indien oder Brasilien unterwegs waren. Nein, da kamen viele Fans, und die Anstecknadel-Verkäufer in den Treppenhäusern freuten sich über gute Umsätze.
Betont unauffällig mischten sich auch Zollbeamte unter das Publikum, versehen mit guten “Tipps” der Konkurrenz. Die Zöllner stellten schließlich auf der Automechanika zahlreiche gefälschte Waren sicher, unter anderem Lenkungsgetriebe, Bremsbeläge, Sitze, Alufelgen, Kühlergrills und Scheinwerfer. Verhaftungen wegen solcher Produktfälschungen gab es wohl keine.
Vor einigen Jahren haben wir einen Iveco-Lastwagen gefilmt, der wie ein Puzzle Stück für Stück zusammengesetzt wurde. Das Effekt war der gleiche: Die ganze Kraft eines Nutzfahrzeugs ist wie weggepustet, wenn man ihn so in seine Einzelteile zerbröselt vor sich sieht. Das Ganze ist eben doch mehr als seine Teile. In Frankfurt haben wir Standbetreuer gefragt, aus wie vielen Teilen denn ein Pkw besteht. Geschätzt wurden einige tausend.
VW konnte genauere Auskunft geben: Für einen Passat (Bild) müssen etwa 8.000 Stücke aus Plastik und Gummi, Alu und Eisen, Glas und Kupfer entworfen, produziert, getestet und in größere Aggregate eingefügt werden. Auf der Teile-Liste eines Golf stehen immer noch 6.500 Positionen. Niemand hat das genau gezählt, es sind einfach zu viele. Der Nimbus, den ein Auto austrahlt, steht freilich nicht in solchen Datenbanken. Und darin zeigt sich höchste Ingenieurkunst: Eine Vision umsetzen in Zeichnungen, Stücklisten, in banale Blechteile, Schrauben, Dichtungen. So richtig ins Schwärmen geraten kann der Autofreak wieder Ende September 2009. Dann öffnet die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt, die sich jährlich mit der Automechanika abwechselt.
Kategorien: Auto
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Heute schon unters Kopfkissen geschaut? Haben sich inzwischen die Motten über den Sparstrumpf hergemacht, Omas altes Erbstück? Sind die Taler noch vorhanden, die Schweiß überzogen im Laufe eines langen Arbeitslebens hier einen vorläufigen Ruheplatz gefunden haben? Erinnert sei an den Joke, in dem besagte Oma sich in ihrer Bank alles Ersparte auf die Theke zählen lässt und dann mit den Worten “Wollte nur mal sehen, ob noch alles da ist” wieder verschwindet.
Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang auch an die Entscheidungstheorie, einem Spezialgebiet der Mathematik, aus der ratlose Banker und Betriebswirtschaftler gerne Honig saugen, wenn sie nicht mehr weiter wissen und ihrem Bauchgefühl misstrauen.
Anders als die Geldprofis hat unsereiner die einschlägigen Computerprogramme nicht zur Hand, um entscheiden zu können, ob das Geld besser in den Sparstrumpf (null Risiko, null Profit) oder in Termingeschäfte an der Wall Street (volles Risiko, voller Profit) oder in eine der zwischen diesen beiden Polen liegenden Alternativen gesteckt werden soll. Wohl oder übel müssen wir auf unser Bauchgefühl setzen.
Die nette Kundenberaterin der Bank hatte bei unserem letzten Besuch heiße Empfehlungen an der Hand, das Geld sicher und trotzdem profitabel anzulegen und vor dem Fiskus zu schützen. Gesagt, getan. Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit. Schritt eins: Entziffern der Kürzel auf dem letzten Kontoauszug. Schritt zwei: Ermittlung der aktuellen Kurse im Internet. Dann die Schrecksekunde: Alles ist entwertet. Jetzt müsste Schritt drei folgen. Aber in welche Richtung?
Den Banken kann man nicht mehr trauen. Richtige Börsengurus wie André Kostolany oder Gerhard Czerwensky sind verstorben. Die Zeitungen sind ratlos. Wir auch.
Verstört braut jeder sich seinen eigenen Anlagemix zusammen. Gedanken an Diogenes kommen dabei hoch, jenem altgriechischem Philosophen, der nichts als eine Tonne sein Eigen nannte. Er war Bettler, aber auch der erste Mensch, der sich als „Weltbürger“ (κοσμοπολίτης) bezeichnete, statt Bürger einer Stadt oder eines Staates. In unserer Zeit der Globalisierung und Hartz IV eigentlich eine ganz moderne Perspektive. Zur Esskultur reichte Diogenes lediglich eine Schale. Als er einen Hund sah, der aus einer Pfütze trank, warf er auch diese weg. So weit wollen wir es dann doch nicht kommen lassen.
Übrigens: Zinslose Sparstrümpfe sind out, verzinsliche Festgeldkonten in. Aber da sind wir dann schon wieder in Entscheidungsnöten.
Kategorien: Wirtschaft
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Bei Amazon ist überhaupt nur eine einzige, dazu nicht lieferbare CD mit seiner Musik gelistet, der Name einer Straße in München-Bogenhausen verweist auf ihn, und die virtuelle Fachbibliothek Musikwissenschaft der Bayerischen Staatsbibliothek führt immerhin 88 Einträge, die mit seinem Namen verbunden sind: Joseph Hartmann Stuntz. Geboren 1783 bei Basel, hat er u.a. bei Mozarts Rivalen Salieri in Wien gelernt und als Hofkapellmeister in München gearbeitet. Dort wurde er 1859 auf dem Südfriedhof beerdigt. Ein romantischer Komponist also, der mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist.
Einer entdeckte ihn wieder. Der Schweizer Regisseur Nicolas Trees, Gründer der Virtuosi ambulanti, inszenierte am 16. September 2008 in der Münchner Residenz des schweizerischen Generalkonsulats ein “Rencontre avec Stuntz”. Er brachte die optisch und akustisch bezaubernde Sopranistin Margarita De Arellano mit dem Bariton Randal Turner und der Pianistin Barbara Wild zusammen, die Kostproben des musikalischen Schaffens von Stuntz lieferten.
Ein Genuß, in den rund 40 Gäste kamen, die von der seit Dezember 2008 in München residierenden schweizerischen Generalkonsulin Ursula Aaroe geladen waren. Ein Abend mit anmutiger und anspruchsvoller Musik, einer informativen Einführung durch Trees und dem Charme der weltgewandten Hausherrin – sie repräsentierte die Schweiz in verschiedenen Funktionen in San Francisco, Kopenhagen, Kairo, Hamburg, Houston, Singapur, Riga und zuletzt in Santo Domingo. Ein Abend, bei dem ein schweizerisch-deutscher Musiker wiederentdeckt und gefeiert wurde.
Kategorien: Kultur
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Plötzlich ist die Katastrophe da. Harmlos getarnt durch ein Deckmäntelchen. Wer ahnt schon, dass sich hinter dem bürokratisch-sperrigen Titel “Empfehlung (Bundesratsdrucksache 558/1/08 vom 08.09.2008) zum Entwurf des Dritten Gesetzes zum Abbau bürokratischer Hemmnisse insbesondere der mittelständischen Wirtschaft (Drittes Mittelstandsentlastungsgesetz)“ nichts anderes verbirgt als die Abschaffung der Künstlersozialkasse KSK. Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein wollten dieses Gesetz ohne viel Federlesens innerhalb von wenigen Tagen am 19.9.2008 durch den Bundesrat schleusen.
In der KSK sind alle freiberuflich tätigen Schriftsteller, Publizisten, Journalisten, Filmemacher, Musiker und ähnliche Kreative obligatorisch sozialversichert. Ohne die KSK hätten viele der 160.000 Mitglieder keine Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung. Ihr durchschnittliches Jahreseinkommen beträgt nach Angaben der KSK 12.616 €, also gerade einmal 1.000 € im Monat. Die KSK finanziert sich zu 50 % durch Beiträge ihrer Versicherten, zu 20 % aus dem Bundeshaushalt und zu 30 % aus Abgaben der Unternehmen, die Werke und Leistungen selbständiger Künstler und Publizisten gegen Entgelt in Anspruch nehmen.
Zahlreiche Betriebe aus Handel, Handwerk und Industrie haben es mit dieser Abgabepflicht in der Vergangenheit nicht so genau genommen. Seit Mitte vergangenen Jahres schauen ihnen deshalb Betriebsprüfer der Deutschen Rentenversicherung in die Bücher, und die Abgabenhinterziehung fliegt reihenweise auf. Es hagelt Bußgelder, die bis zu 50.000 € betragen können. Das hat den DIHT und den Zentralverband des Deutschen Handwerks auf den Plan gerufen. Ihre Lobbyisten machten Politiker zu Komplizen. Sie erreichten, dass die genannten Bundesländer die KSK nun kippen wollen. In Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen waren sie ohne Erfolg, diese Ländern schlossen sich dem perfiden Vorstoß nicht an. Bayern, Berlin und das Saarland enthielten sich.
Die Empörung der Künstler ist groß. Für sie setzen sich auch die großen meinungsbildenden Zeitungen im Lande ein. Nun wird möglicherweise alles beim Alten bleiben.
Selbst wenn der Vorstoß vermutlich scheitert: Es bleibt ein Skandal, dass sich Spitzenverbände und Politiker zu einem Anschlag gegen Kunst, Literatur und Musik verbünden. Wie arm wären aber Wirtschaft und Politik ohne Kultur und Kulturschaffende.
Kategorien: Kultur · Soziales
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Wir leben im Osten von München. Dort, wo der Wind frisch weht und die Natur vor der Tür beginnt. Freitag, 19.9.2008 feiert Bayerns Metropole den Umwelttag. Auch die Messestadt, die stolz ist auf die Umsetzung ökologischer Kriterien in ihrem Quartier, trägt einiges dazu bei. Auf dem Programm stehen zum Beispiel Dokumentarfilme für die “Lange Nacht der Umwelt”.
Gegen 20:45 Uhr läuft im Kulturzentrum unser Film “Musik für den Otorongo”, der auf dem Internationalen Dokumentarfilm-Festival München sowie in 3SAT gezeigt wurde. Es ist das Porträt des peruanischen Umweltschützers Huayqui Oceano (Bild), der sich mit Hilfe seiner Musik gegen Drogendealer und Ölkonzerne zur Wehr setzt.
Huayqui Oceano liebt das Leben in seiner peruanischen Heimat. Ein asketisch lebender Indio, der seine aus England stammende Frau Naomi umhegt, seine drei Kinder Inti, Kiya und Qori und die wilde Natur in seiner Nachbarschaft. Seine Heimat, das ist das Provinzstädtchen Moyobamba im Quellbecken des Amazonas.
Es ist ein Gebiet, das von den trockenen Ebenen am Pazifik durch die Anden getrennt ist. Hier ist die Vegetation üppig, das Klima feuchtwarm, das Quellwasser von Erdwärme aufgeheizt. Und obwohl Moyobamba so abgelegen ist, dass sich nur gelegentlich Geländewagen auf den staubigen Pisten bis hierher durchschlagen, ist diese pralle Natur gefährdet – durch Öl-Prospektoren der großen Mineralölkonzerne, durch wilde Brandrodung peruanischer Campesinos und durch illegale Pelzjäger. Vor allem die wenigen noch vorhandenen Jaguare sind vom Aussterben bedroht.
Huayqui entlockt einem Dutzend Instrumente Töne, die wild sein können oder unheimlich, einfühlsam oder herb. Seine musikalischen Quellen liegen in der traditionellen Musik Perus. Und doch haben seine selbst komponierten und arrangierten Stücke nichts gemein mit dem bekannten Panflöten-Klischee.
Dieser Mann verwirklicht sich einen Traum. Er hat sein Leben ganz der Natur gewidmet. Auch sein musikalisches Talent setzt er dabei ein. So hat er Platten aufgenommen, deren Erlös dem Otorongo Holistic Ecology Centre zu Gute kommen – eine kleine NGO zur Rettung des Otorongo, des Jaguars, ein Symboltier der untergegangenen Inka-Kultur. Huayquis Ziel ist ein Natur-Reservat, in dem die Wildkatzen zusammen mit vielen anderen Tierarten ungestört leben können. „Our vision and mission are to work inspiring in the local population the respect for the Forest and thus the appropriate and sustainable use of the natural resources.“ In einem Land, das gegen Hunger und Armut, Kriminalität und Ausbeutung kämpft, ist Huayquis Vision ein sehr hoch gestecktes Ziel.
Details haben wir auf dieser Website veröffentlicht: http://agdok.de/home/stenzelfilm/OtorongoNeu.html
Außerdem wird der französische Dokumentarfilm “Microcosmos” von Claude Nurisdany und Marie Perennou zu sehen sein mit atembaraubenden Aufnahmen von heimischen Feldern und Wiesen. Er erhielt 1966 beim Filmfestival von Locarno auf der Piazza den Publikumspreis. Bertram Verhaag steuert seinen “Bauer mit den Regenwürmern” bei.
Die Messestadt Riem ist ein wunderbarer Fleck zum Leben. Viele Kinder wachsen hier auf, pro Kopf mehr als in der übrigen Stadt. Junge Familien beschäftigen sich mehr mit sich selbst als mit ihrer Umwelt. Trotzdem hoffen wir, dass die Umweltnacht ein Erfolg wird und viele Bürger auch aus dem übrigen München aus ihren Häusern lockt.
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